Unterwegs. The Longest Way

Spaziergang von Paris nach Bad Nenndorf

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Dies ist das Tagebuch meines Spazierganges von Paris nach Bad Nenndorf im Sommer des heißen Jahres 2003. Ich ging mit meinem Kumpel Knarf los und mit Puk, dem Familienhund. Knarf musste nach einer Woche weg, und Puk und ich gingen den Rest alleine weiter. Wir brauchten 23 Tage, dann waren wir da.
Das Tagebuch:

31. Juli 2003.

Knarf stieß unverhofft dazu.

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Puki schien das nichts auszumachen, um elf Uhr dreißig saßen wir in der Mètro. Zunächst schien es um die Mittagszeit kühl zu sein, doch bei unserer Abreise von Paris-Bobigny konnten wir sogar unsere Alabasterkörper demi-nu der Öffentlichkeit präsentieren.

Enttäuscht nagten wir an unserem letzten Quäntchen Mut, als wir durch die finstersten Wohnblocks des 92sten marschierten, und scheinbar unser Reisetempo nicht einzuhalten imstande waren.

All dies geschah übrigens ohne nennenswerten Widerstand der Eingeborenen. Das Wort „Kapitulation“ lag in der Luft.

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Mehrere kleine Dörfer, einen Bahnuntergang, dutzende von Radfahrern und ein kleines Wäldchen später, liegen wir nun auf einem Stoppelfeld vor ein paar Bäumen, der Hund schläft, es schmerzen die Schultern, das Tal liegt in Frieden darnieder und in der Ferne hinter dem Horizont glüht Paris. Über uns tauchen Flugzeuge im Landeanflug aus dem Himmel, und wir beten um gutes Wetter.

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1. August 2003.

NACHTRAG: 09:00 – Feuchtigkeit, Nässe und Getier dringen in Schlafsäcke und belästigen klamme Körper. Der Hund macht mir meine Isomatte streitig. Alle leiden.

Unter Lunas zunehmender Sichel die Halme auf dem Felde hingestreckt, und wir darauf. Weithin sichtbar Knarfs bunter Schlafsack im sanften Licht der am Horizont Magentawolken hinterlassenden Sonne, aber das stört uns nicht. Es könnte ja taunass frösteln oder glühendheiß auf uns herabbraten.

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Grillen zirpen, von Zeit zu Zeit zerreißt ein Auto die Szenerie, und im Hintergrund hören irgendwo ein paar Dorfassis laut Radio. „Lalala“ macht das Radio, ein Kirchturm schlägt zehn Uhr, und ein Hase wagt sich bis auf zwanzig Meter an uns heran.

Doch Puki schläft, denn der Tag war lang und brüllend heiß, Wasser wurde getrunken und durch Felder und Wälder sinnlos abgekürzt, und dem Tier steht nicht einmal mehr der Sinn nach Essen, so müde ist es. Wir sind auch müde, und außerdem haben wir gar kein Essen mehr für uns selbst.

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2. August 2003.

Unser erstes Mahl.

Wohlgesättigt liegen wir, und müssen keine Angst vor Schlangen haben; am nachtblauen Himmel das Gestirn und der Schein von Menschen, die über uns dahinrasen.

Auf Feldesrücken zerrinnt der Tag, der Brot erbeten, Geld gefunden, Siesta gehalten, den störrischen Hund gezogen, einen Esel getroffen, und letztendlich festgestellt hat, dass er nicht Freitag sondern Samstag hieß und mit einer Dose Ravioli und drei Pfirsichen zu Bett gebracht werden sollte.

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Der Taschenlampe zierliche Schein tropft auf Papier und Tintengewirr, und zwischen den rasenden Lichtern der Autos und dem ewigen Verharren der Sterne dämmert uns, dass dies der Jugend schönste Blüte mit einem fernen Feuerwerk zu feiern würdig ist.

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Knarf: „Werd‘ irgendwann mal fertig, ich hab kein Bock mehr…“

3. August 2003.

Zehn Uhr abends, der Hund zwischen den Halmen schlummernd, mein Kamerad sich über den Verlust seiner Lektüre beklagend, versuche ich, über die geringe Entfernungsausbeute dieses Tages hinwegzusehen und in Anekdoten zu flüchten: Von der Sonne verfolgt, im Bach Waschungen vornehmend, vom Geschmeiß zerstochen und zerkaut, waren heute selbst die Schattenplätze zu warm und der Hund zu schwächlich.

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Ein halbes Stangenweißbrot, zwei Erfrischungsgetränke und ein Eisblock in einer Flasche waren heute die milden Gaben an uns Reisende, von einer kalten Dusche mit dem Gartenschlauch bei einem uralten Ehepaar einmal abgesehen.

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Den Hund scheint’s zufrieden, und er schnarcht fröhlich vor sich hin, jedoch mir und meinem Kameraden nagt der Hunger am Gemüt. Durch die Halme blitzt die Stadt, und wir mutmaßen, wieviel köstliche Dinge dort drunten verborgen sein mögen.

Die Poesie schweigt an diesem Sonntag, es ist der Hunger der spricht; Ravioli aus der Dose wären jetzt ein königliches Mahl.

Knarf: „Man weiß die Dinge erst zu schätzen wenn man sie nicht mehr hat…“

4. August 2003.

Spät des nachts.

Kerzenschein macht unser Nachtlager erträglicher. Die erstbeste aller Möglichkeiten haben wir ergriffen, denn der Tag ist alt geworden, nachdem wir zunächst einmal bis Sonnenuntergang vor den Toren eines Gemischtwarenhauses verbrachten, in Betrachtung der Bevölkerung und in eitel Palaver vertieft, um des nachts die nächste Etappe zurückzulegen, an deren Ende wir, nach einem grandiosen Einzug von den Hügeln her in die Lichtergirlande der Stadt Fismes, uns Aug‘ in Aug‘ mit dem französischen Gesetz wiederfanden, in Gestalt von vier Fahrzeugen der Carabinerie mit dazugehöriger Bemannung, die dem Hund die Kugel geben wollte, sollte dieser sich als gefährlich entpuppen, und die uns eindringlich bat, weiterzuziehen, auch und gerade weil es in Fismes Zigeuner hat, die uns schlitzen wollen, oh oh oh, und so schlafen wir jetzt – mir fallen die Augen zu – am Rande des Weges im Felde unter der Pracht der Sterne, denen alles gleich ist, die nur scheinen wollen, etwa wie die vermaledeite Sonne.

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So liegen wir da, Knarf schnarcht und träumt von seiner Lektüre, und ich denke an den skurrilen Menschen die Straße hinunter, der sich lebendige Emus in seinem Garten hält…

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5. August 2003.

Zum letzten und denkwürdigsten Mal liegen wir drei Kameraden beisammen, die Schlafsäcke in einer von schwerem Gerät gezogenen Furche, der Vierbeiner mit wunden Pfoten in seinem vorübergehenden Gefährt, und wie immer die Grillen dabei und die Sterne, und ab und an ein Auto, das die Nacht durchzieht.

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Das Gefährt verdanken wir zum einen des Hundes Unfähigkeit, unter den gegebenen Umständen noch einen Schritt zu tun (er hatte nämlich die Pfoten wundgelaufen und schien gar wehleidig), und zum anderen einer freundlichen Familie um einen Traktorenmechaniker in Ventelay herum, die uns eine Art Schubkarren improvisierten.

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Eine Dame auf der Straße, die das Privileg genoss, uns eine Schere für des Hundes Pfotenbehaarung leihen zu dürfen, schenkte uns eine Schachtel Erdbeerbonbons, ihr Nachbar wartete mit Schokoladenkeksen auf.

Zum gestrigen Tage fällt mir noch ein, wie ich in eine Totenmesse in der Kirche in Fismes gestolpert bin („Garde mon âme en paix, près de toi, seigneur“).

Heute schlug der Besuch der Kirche in Ventelay fehl, weil sie verschlossen war, was dazu beitrug, dass ich es trotz eines etwas skurillen Gefühls unternahm, meinen Körper am Wasserhahn für die Blumenbeete auf den anliegenden Gräbern zu waschen, immer in der Hoffnung, dass das Wasser aus dem Hahn kein Grundwasser sein möge…

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Es ist die letzte Nacht zu dreien, und meine Gedanken dringen durch den gleichförmigen Atem meiner Gefährten in die Zukunft, für die ich Heilung für den Hund erbete und einen (…) Reiseverlauf.

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Knarf liegt auf dem Rücken, denn er wollte beim Einschlafen die Sterne sehen. Zeit, es ihm gleichzutun…

6. August 2003.

Einmal bat er mich noch zu bemerken, wie sehr er seine Lektüre vermisst, dann war er fort, ein Punkt am Rande der Autobahn; bleibt für ihn zu hoffen, dass jemand ihn tatsächlich aufgabelt und vor übermorgen daheim abliefert…

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So sind es jetzt noch Puki und ich, drei Flaschen Wasser und eine Dose Ravioli, und natürlich der Sack Hundefutter. Puki scheint auf dem Weg der Besserung, jedenfalls lässt sie sich bequem durch die Landschaft schieben und ist gegebenenfalls sogar bereit, auf ihren eigenen Pfoten den Schatten aufzusuchen, wenn wir rasten.

In Bourgogne neben der Kirche bemerke ich, dass mir der Fuß schmerzt, nur wo ist mein Gefährt, dass mich jemand ziehe?

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Eine Blase am letzten Fuß (am Rechten), viele Kilometer gemacht, am Abend bei Avançon, und es stinkt zum Himmel! Die Felder sind reizenderweise gedüngt; ich beuge mich herab, ein tiefer Zug: meines wohl noch nicht.

Wollte doch Knarf hier sein um dies stinkende Leid mit mir zu teilen! Es ruft ein Greifvogel am Himmel, Sterne sind noch keine zu sehen, dafür der Mond, der nun im Zunehmen schon die Hälfte überschritten hat und bald dick und rund grinsen wird, wo jetzt nur ein Schmunzeln zu sehen ist.

Nochmal: Es stinkt!

7. August 2003.

D985 bei Provisy.

Le Franco Belge – Bar/Tabac/Restaurant. Es sind dreiunddreißig Grad im Schatten, zwei mächtige Bäume halten die Sonne ab, sonst würden wir wohl bei fünfundvierzig Grad braten, der Hund mit seiner weißen Plastikkrause und ich.

Im Franco Belge scheint die Zeit stehengeblieben: Uralter Kicker und sechziger-Jahre-Flipper, hinter der Theke ein paar Flaschen Sirup und Alkohol und dahinter direkt die Küche, links der Speiseraum, wo ein paar unsäglich alt aussehende Männer Kartoffeln mit Soße essen, in der Küche eine ältere dicke Dame, die mich und meinen Begleiter bereits gesehen hat und die mich auch gleich in vorwurfsvollem Tone fragt, ob wir nicht ein bisschen zu viel marschieren, oder anders: ob ich das arme Vieh nicht quäle?

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Es ist dunkel im Franco Belge und draußen steht dreimal „Stella Artois.“ Die letzten acht Kilometer auf vielbefahrenem, vor Hitze knisterndem Asphalt, nirgendwo ein Haus oder eine Person in Sicht, nur immer wieder Gesichter hinter Fensterscheiben in vorbeirasenden Autos, mit dem leidenden kleinen Puki, der sich nur hinlegen wollte – das war die Hölle.

Auf einer Blumenwiese bei Jandun.

Paris - Bad Nenndorf

Eigentlich hätte ich die letzten zehn Kilometer wohl nicht mehr machen wollen. Zumindest nicht heut‘ nacht. Doch dann stieß ich, kurz nachdem mir ein alter, nach Alkohol riechender Mann eine Dusche mit dem Gartenschlauch verabreicht hatte, auf einem Feldrand liegend auf eine schmutzige, zahnlose Gestalt, die mir von sich erzählte, wobei ich die meiste Zeit nicht einmal den Versuch unternahm, ihr zuzuhören. Sie nehme verlassene Hunde bei sich auf. (Woher sie wohl all diese narbigen dunklen Flecken auf den Armen haben könnte?) Fünfzig Hunde nenne sie schon ihr eigen. (Gibt es sowas wie Heroinjunkies in so einem gottverlassenen Kuhkaff überhaupt?)

An einen Satz erinnere ich mich: „Ich scheiße auf alle!“

Meine Füße schmerzen von Blasen, als wir schließlich, der alten Hexe, Regine, 60, hinterher, uns wieder auf den Weg machen.

Paris - Bad Nenndorf

In ihrem Drei-Häuser-Kaff angekommen, wird das seltsame Gefühl zur Panik: überall gackert und bellt es, bei einem Blick nach rechts unten gewahre ich einen riesigen Truthahn, der inmitten von Gänsen auf einer Mauer sitzt, und nirgendwo der Anschein einer menschlichen Seele auf dieser Seite der Siedlung.

Auf der anderen Seite steht Regine in einer Auffahrt, die mit Stacheldraht umzogen ist, und hinter ihr geht es ein Stückchen in den Wald rein, ich kann nicht genau erkennen, ob da eine Hütte im Halbdunkel steht oder ein Campingwagen, und die Hunde, die da wie verrückt bellen und dabei übereinander weg taumeln und sich gegenseitig noch mehr anstacheln, die kann ich auch nur schemenhaft erkennen, aber es mögen doch fünfzig Hunde sein, die sich da den Rest ihrer Seele in den Wahnsinn brüllen.

Paris - Bad Nenndorf

Von da ab beschleicht mich die Angst vor dieser Gegend, in der ausnahmslos alle Pferde und Kühe auf ihren Weiden in unsere Richtung gelaufen kommen und einige sogar rufen, und nirgendwo ein Mensch, und es wird später und später, ich will diesen ganzen Ort hinter mir lassen, raus aus diesem waldigen Hügelland, in der alles tierische heillos nach mir schreit.

Noch einmal komme ich an einem Zaun vorbei, wo jemand eine Meute unterschiedlicher Hunde hält, und auch dieses Mal das wahnsinnige Gebell…

Nach zehn Kilometern endlich liege ich nun mit dem erschöpften Hund im Blumenfeld, im Hintergrund blökt ab und zu ein einsames Schaf, zwischen mir und „les Tavernes“ und somit Regine und ihrem Reich liegt eine mittelgroße Stadt und eine große Entfernung, und ich schaue mir eine von den Blumen an, zwischen denen ich ruhe: pflanzlich, unscheinbar, keine farbige Blüte, etwa unterarmhoch, mehrere Blüten am Kopf; am Himmel Kondensstreifen und – Sterne…

Paris - Bad Nenndorf

8. August 2003

4 km vor Sedan.

Wir haben heute endlich Charlesville-Mézières erreicht. Nach 14km Marsch vor dem Frühstück kamen wir an dem Ortsschild vorbei. Charlesville ist demnach die Partnerstadt von Euskirchen. Wir fanden den Ort recht unübersichtlich, und infolgedessen bemühten wir uns recht lange, die „Place Ducale“ ausfindig zu machen. Selbstverständlich waren wir als eche Pariser maßlos unbeeindruckt und hielten unsere Pause etwas abseits.

Den Tag verbrachten wir mit Essen/Trinken kaufen, Essen/Trinken zu uns nehmen, schlafen, lesen, Karten schreiben, Toilette suchen (Imodium akut nehmen), Toilette benutzen, zufällig in Kirche hineinstolpern, versuchen im Sinne einer funktionierenden Darmflora zu beten, und schließlich ging’s auf nach Sedan.

Und so sind wir jetzt Seit‘ and Seit‘ (heute nacht werde ich die Regenponchos mal unter die Isomatte legen, mal sehen was das bringt) auf einem Feld zwischen zwei Straßen, einem Gartenzaun und einem kleinen Maisfeld. Das Gras ist relativ hoch und es wimmelt von schwirrenden und krabbelnden Viechern, aber was soll man machen?…

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— Habe noch mal schnell das Hunde-Zink-Desinfektionszeug auf meine Blasen am rechten Fuß getan, denn mir fiel gerade ein, dass ich mir heute am Treppenaufgang neben der Place Ducale vier Blasen am rechten Fuß punktiert habe. Natürlich habe ich am linken Fuß auch welche, aber ich wollte zunächst schauen, was besser ist im Laufe der Wanderung: Punktiert oder unbehandelt (irgendwas wird sich die Natur schon dabei gedacht haben, da Flüssigkeit reinzutun).

— Der Mond strahlt hell in baldiger Fülle, und die nahe Stadt tut ihr übriges: Viele Sterne sind nicht zu sehen. Auf den anliegenden Straßen ist viel Verkehr, vom Süden her vernehme ich Jugendliche, die laut rufen. Anscheinend entfernen sie sich jedoch. Hoffentlich nehmen sie nicht später mein Rasenstückchen als Abkürzung?!

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Aus Rasen wird Wiese, aus dem achten August der neunte, und ich bin müde, müde, müde, und manchesmal kommt mir die Strecke einfach nur endlos vor. Nun ist eine wichtige Etappe vollendet, Sedan 1871 und Charlesville sind erreicht, und schon muss ich krampfhaft neue Attraktionen aus der Karte herauszaubern, um mich selbst zu animieren.

Fauler Urlaubsgast…

9. August 2003.

Ortsausgang Auby.

België. So schreiben die das wohl hier.

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Ich habe das Geheimnis gegen Morgentau herausgefunden: Nicht über dem Schlafsack, sondern drunter muss man den Poncho ausbreiten, um morgens halbwegs trocken zu sein. Paradox, aber so scheint es zu sein.

Sind spät auf unserer schneckenbefallenen Wiese aufgewacht, haben das Château Fort betrachtet und hauptsächlich für groß befunden, dann wollte ich eine Schokoladencrêpe und es gab keine, haben bei einer alten Dame unter dem Fenster ein paar Spielshows und die Nachrichten mitgehört (hauptsächlich ging es um die Hitzewelle in Europa, die in Frankreich schon einige Rekorde gebrochen hat).

Dann auf Irrwegen über die Grenze und – Enttäuschung! Auf Landstraßen wird nicht mal kontrolliert, da steht nicht mal ein Zollhäuschen, nichts!

Das erste in België war eine Landstraße, dann ein Wohnwagencampingplatz, und dann eine wunderhübsche Stadt, in waldigem Tal um einen Fluß gelegen, in dem die Leute baden gehen, eine riesige Festung säumt die linke Talseite, an der rechten ziehen sich kleine Cafés und Wohnhäuser den Hang hoch; malerisch, sehenswert, inspirierend, und doch heißt die Stadt wie ein Suppenwürfel – Bouillon.

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— Nach scheinbar endlosen düsteren Serpentinen hatten Puki und ich schließlich eine geeignete Schlafstelle auf einem Felde gefunden, da hatten mich meine Füße auch schon weitergetragen, und wir latschten bis eben noch mal so lang durch noch düstereren Wald… So liegt der Hund auch da wie erschlagen und hat sich nicht mal gegen seine abendliche Fußbehandlung gewehrt.

Gleich werde ich einen Schluck Wasser trinken (oder auch zehn) und mich dann ausstrecken. Ich hoffe nur, es wird nicht Regen geben, obwohl ich nicht weiß, wie ich drauf komme, da am Himmel kein Wölkchen die Sterne verschleiert. Vielleicht, weil es ein bisschen kälter scheint als sonst und weil eben die Grille im nahen Gebüsch aufgehört hat zu zirpen, und mit einem mal nicht nur eine unangenehme Stille herrschte, sondern vor allem das mediterrane Feeling fort war.

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Zum Abendessen zu müde, obwohl Baguette gekauft…

10. August 2003.

Kurz vor Bastogne/Bastenaken.

43 Kilometer sind wir heute marschiert. Es scheint, als ob wir unser Reisetempo langsam erreichen: Zwanzig vor der Mittagsruhe, zwanzig danach, das ergibt tatsächlich etwa dreißig Luftlinie.

Nach anfänglichen Sorgen (Hundepfotenprobleme, langsames Vorankommen, Einsamkeit nach Knarfs Abreise, Hoffnungslosigkeit angesichts der zu überwindenden Gesamtstrecke und schließlich Probleme mit den eigenen Füßen) haben wir uns jetzt scheinbar ein bisschen an den größten Hindernisfaktor, die Hitze, gewöhnt und kommen auch sonst mit der Aufgabe ganz gut zurecht.

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Wir sind dabei, härter zu werden.

So liegen wir nun, der Hund ist sofort in Schlaf versunken, unter dem fast vollen Mond, nur Meter von einer Bundesstraße entfernt, aber leicht erhöht und hinter Bäumen versteckt. Weiter in die hohe Wiese wollte ich nicht, der Viecher wegen, vom letzten Mal habe ich nämlich Schnecken in den Schuhen und eine Schleimspur auf meinem Schlafsack behalten.

Ob dies eine gute Entscheidung war wird sich noch zeigen, ich hoffe nur, der Hund bleibt bei eventuellen Passanten ruhig…

11. August 2003.

Lëtzeburg.

Eine weitere Grenze haben wir überquert: Diesmal gab’s sogar ein Willkommensschild, ich hätte es kaum erwartet.

Bin heute morgen mit einer Erkältung aufgewacht, die sich durch fortwährendes Marschieren in der prallen Sonne zumindest in ihren Symptomen einschränken ließ. Nun sitzen (bzw. liegen) wir einer Tankstelle in Lëtzeburg gegenüber im Schatten eines Baumes, und ich weiß nicht, welches Leid nun das Bessere wär‘.

Ich habe Kekse gekauft, die „Bastogne“ heißen, probiert habe ich sie noch nicht. Bastogne/Bastenaken liegt 15km hinter uns; eine liebenswerte kleinere Stadt, die es im II.WK im Zuge der „Battle of the Bulge“ ganz schön mitgenommen hat. Damals war es die 101. Airborne der US, die die Stadt in eingekesseltem Zustand gegen die Wehrmacht verteidigte. Heute ist dieselbe Division im Irak.

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Von ihrer Pflicht in Belgien ist ein Mahnmal geblieben, ein Ehrenmal für die Gefallenen, und ein Militärfriedhof. Damals haben mehr als 70.000 Amerikaner ihr Leben gelassen. Viel‘ Feind, viel‘ Ehr‘.

Und nun renne ich in Shorts, weil es so heiß ist, in den Ardennen herum und kann mich aus Distanz und Interesse erfreuen.

Clervaux (L).

…auf der Karte sieht der Ort groß aus, in Wirklichkeit scheint es sich lediglich um eine Häuserzeile an einem Bächlein und einer Bahnlinie zu handeln – mitten im Wald.

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Ein Holländer irrt herum und sieht genauso verwirrt aus, wie ich mich fühle. Jemand erscheint und erklärt, dass die Stadt hinter einem Hügel sei, dies sei nur der Vorort.

Aha.

Die Wanderung nimmt Wettkampfdimensionen an: Ob wir Deutschland noch heute erreichen? Wie viele Kilometer können wir an einem einzigen Tag schaffen? Wann schaffen wir es, zuhause anzukommen?

Erstes Feld nach Dasburg (D).

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…nun haben wir die Heimat doch erreicht.

In erster Linie fühle ich mich dem Land durch seine Konsumgüter verbunden, durch die Sparkasse und die Tatsache, dass es mich meinem Zuhause näherbringt. Vielleicht ist das Gefühl patriotischer Herzenswärme ja da, wenn ich meinen Landkreis erreiche…

Noch nicht einmal mein Mobiltelephon hat hier ordentlichen Empfang…

—Mit einem Sirren kommt ein Radler daher, an meinem Felde vorbei bis an einen Baum auf der Ecke. Er ist außer Sicht, scheint das Rad abzustellen, jemanden zu rufen.

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Ob das die beiden Assis aus Roeler in Lëtzeburg sind, die lebende Beweise dafür waren, dass man auch in Lëtzeburg arm und assi sein kann? Letzten Endes waren es doch die zwei, die mir nach einem verhörartigen Gespräch die Gewissheit gaben, dass es besser sei, die Grenze hinter mich zu bringen, und das nicht nur für meinen sportlichen Ehrgeiz (Lëtzeburg in einem Tag!), sondern auch, weil die beiden Typen mir nicht geheuer vorkamen und ich doch Blicke auf mein Gepäck bemerkt zu haben glaubte…

Ich kann mich natürlich auch immer irren, auf jeden Fall haben wir jetzt Lëtzeburg geschafft, Clervaux entpuppte sich als Perle im Walde, ähnlich Bouillon, nur noch mehr in das Tal eingezwängt, und ohne großen Fluß durch die Stadt.

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Dasburg war auch ganz schön, und das Waldstück danach scheinbar unendlich lang, was mich beinahe entmutigt hätte und wovon mir die Beine schmerzen (der Hund ist gleich umgekippt wie ein Sack Mehl, nicht mal getrunken hat er noch).

Das Feld ist unser, der Radler fährt immerhin mit Beleuchtung, was nicht auf Ganoven schließen lässt, und im Hintergrund höre ich es leise aus einem Stall rumoren. Eine Kuh brüllt vor sich hin, ab und an ein Flugzeug am Himmel, die obligatorischen Grillen sind da, im Wald eine rufende Krähe, und der Mond hat seine fetteste Rundung erreicht.

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Ich möchte zuhause angekommen sein, bevor der Mond sich erneuert!

Es ist gesagt.

12. August 2003.

An einer vielbefahrenen Straße bei Prüm.

Die Lampe hat den Dienst quittiert, der Stift eilt blind über’s Papier. Zuletzt konnte ich weder einen gefahrlosen Weg entlang der Straße erkennen, noch überhaupt die Karte lesen, also entschloss ich mich zum Nachtlager.

Eines überrascht und verärgert zugleich: In der Heimat scheint es mehr lästiges Ungeziefer als in Frankreich und den frankophonen Ländern zu geben. Wespen, Spinnen, Mücken, alles kreucht und fleucht ein bisschen vielzähliger in Deutschland. Sei’s drum.

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Nun haben wir schon so viel wacker vollbracht, trotz Hitze und Bedrängnis, und dennoch scheint so unüberwindbar viel vor uns – mir sinkt der Mut.

13. August 2003.

Etwa 10km westlich des Nürburgrings, 21:40.

Ich esse Weingummis, um die sorgenfreie Heimat herbeizunaschen – mit jedem bunten süßen Ding verschwinden ein wenig die dunklen Wälder um unserm Stück Feld und die ächzenden Wolken über uns, die den Himmel von Horizont zu Horizont bedecken.

Den Mond sehe ich heute nacht nicht. Aber was wäre er auch schon nütze? Was könnte er gegen das drohende Unheil schon ausrichten?

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Einerseits wäre ein Regenguss am Tage eine willkommene Sache, abkühlend, erfrischend und vielleicht sogar säubernd. Und vor allem mögen die Wolken die Sonne verdecken!

Des nachts aber wäre ein Wolkenbruch höchst ärgerlich. Wir sind zwar immer bereit, dem Wetter zu trotzen und einfach in den Regen drauflos zu marschieren, aber im Waldgebiet habe ich hiervon keine sehr hohe Meinung.

Es donnert. Aus An- und Abschwellen sowie kleineren Untertönen schließe ich auf ein Militärflugzeug. Möge ich recht behalten.

Die heiße Zeit des Tages haben wir auf der historischen Stadtmauer in Hillesheim verbracht. Sonst war es größtenteils warm.

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Eben parkt der Bauer ein paar hundert Meter weiter den Traktor in der Scheune. Ich beneide ihn um sein Dach überm Kopf. Ich habe lediglich Plastikponchos und meine wiedererstarkte Taschenlampe, mich geborgen zu fühlen…

14. August 2003.

Hohe Acht, gegen Mittag.

…gegen drei in der Früh weckten mich die ersten Tropfen.

Nach anfänglichem trotzigen Zögern lagen wir eine Weile später zwischen Wand und Auto in jemandes Carport. Schlechte Träume und ein dicker Kopf blieben mir von dieser Nacht.

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Nun sind wir gerade mal einen Kilometer vom Aussichtsturm Hohe Acht entfernt, aber dafür müsste ich entgegen der Route wandern, und es zieht mich doch nach hause!

Außerdem: was ist schon ein Aussichtsturm?

Auf einem Feld auf einem Hügel, auf den Rhein blickend, 22:55.

Dieses war der schlimmste Tag. Rund um den Nürburgring fahren alle Leute schnell, aus Bürgern werden Idioten, und aus Brummifahrern Motorsportler. Zu viele Kilometer haben wir an einem Stück gemacht, um die Oma am See zu treffen: 40.

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Nach einem erholsamen Abendessen mit Bibi und Zsuzsa, bei dem es um Nudeln und Salat und die Frage, aufzuhören, ging, entschied ich mich für die Beendung meines Plans.

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Die vorgesehene Beendung in 10 Tagen und 300 Kilometern.

Von da ab lief es besser: Ich schaffte heute abend zwar keine Kilometer mehr, aber trank eine kühle Cola in einer sehr dörflichen Kneipe und spielte 3 Runden Billard im gegenüberliegenden JUZ. Dies alles in N….

Dort scheint die Welt noch in Ordnung…

Das Gebiet am Rhein strahlt hell aus 1000 Lichtern, nicht so vielen wie in Paris, der Lichterstadt, aber doch am Horizont verzückend, der Himmel ist von Wolken gesprenkelt nicht von Wolken bedeckt, und die Grillen zirpen noch, obwohl kalter Wind weht.

Regen wurde erst für’s Wochenende vorhergesehen, aber wer weiß das schon?

Ich wünsche mir heute nacht Glück, und morgen vormittag kaufe ich mir ein Zelt oder einen Biwaksack.

Ich denke, wenn ich jetzt nur für mein Wohlbefinden gegen Regen bete, so befinde ich mich in erbärmlicher Minderzahl, einer Schar von erzkatholischen Bauern der Gegend gegenüber. Aber hilft Gott nicht den Schwachen, hat er nicht ein offenes Ohr für die Armen, zumal wenn sie sein Wort hören (und bis zum Buch Jesaja bin ich immerhin schon gekommen)?

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Scheiße, dieses Feld hat Flöhe…

Lampe aus.

Beten.

15. August 2003.

Dierdorf 23:40.

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Ein Dach überm Kopf: so liegen wir nach Speis und Trank in der gezimmerten Modellhütte, die der Verkehrs- und Verschönerungsverein beim alten Erich, dem Holzbauer, auf dem Gelände heute einzuweihen zusammengekommen war.

Am dreizehnten Dezember sei hier Christmarkt, und ich solle dann einen Besuch abstatten; oft verläuft sich so etwas im Wind, aber diese Rheinländer/Westerwäldler sind wirklich nett zu mir gewesen…

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Nach den Erfahrungen mit den agressiven Rasern auf den Landstraßen hätte ich es kaum geglaubt.

Kalt ist es geworden, und die Wärme der Mittagssonne trügt nur – ein Zelt muss her!

Wenn ich esse oder schlafe oder einfach ausruhe, dann kehrt mir der Mut zurück, das Vorhaben zu beenden.

Nur die endlosen schleppenden Meter rauben mir die Motivation…

16. August 2003.

Wenn man in Elbern zum DaVinci-Haus geht und dort über die Absperrung mit dem Hinweis „Durchgang verboten!“ steigt, liege dahinter um die Ecke ich. Ich und Puki. DaVinci muss eine holzverarbeitende Firma sein oder so etwas, auf jeden Fall liegt es sich hier für’s erste sehr gut, ein wenig vom kalten Wind und hoffentlich auch vor jeglicher Nässe geschützt.

Soeben aß ich einen gekochten Maiskolben, ein Stück Grillfleisch und ein Brötchen, die mir eine russische Familie in Rosenheim mitgegeben hat. Wunderbar! Und das beste: ich habe sogar noch Kuchen übrig!

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Ansonsten verlief der Tag angenehm ruhig. Wir nähern uns gezielt unserem Zuhause, die Stunden des Marschierens werden manchmal lang, aber die Pausen sind großartig. Heute waren wir drei oder vier Stunden in Hachenburg, auch ein sehr schönes Städtchen; malerische Altstadt auf einem Hügel um ein Schloss herum gelegen.

Heute morgen durfte ich nach – trotz Hütte – durchfrorener Nacht beim Erich eine Dusche nehmen und frühstücken. Mensch, war das schön! Eine warme Dusche, ein heißer Tee…

17. August 2003.

Bushaltestelle bei Lützel. 22:17.

Es regnet. Ich würde sogar sagen, es gießt aus Kübeln, habe aber Bedenken, dies hieße das Wetter herausfordern, dass es gar noch schlimmer würde.

Dieses Haltestellenhäuschen kommt mir sehr gelegen, und bisher scheint es auch als würde es seine offene Seite von Wind und Wetter geschützt präsentieren. Dennoch liege ich nicht auf dem Boden, der dank Dach und Regenablaufrinne trocken ist, weil ich mich dann von den über die regenglitzernde Straßenfläche rasenden Autos bedroht fühlen würde, und von den Spinnen, die drunten ihre Netze gespannt haben.

Der Nachteil des Ganzen: man weiß nie, ob’s nicht doch irgendwann reinregnet, die Autos sind extrem geräuschvoll, und die Bank auf der ich ruhe ist kaum so breit wie ich selbst. Morgen früh heißt es außerdem früh aufstehen, weil die ersten Busse um sechs Uhr losfahren.

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Ein Blick auf die – auseinandergefaltete – Karte hat mir heute wieder den Mut rauben wollen: es scheint als ob ich kaum vorankomme, bin heute fast sechzig (60!) Kilometer gewandert, über Stock und Stein, Berg rauf, Berg runter, die Bundesstraße entlang, durch Wald und Flur, dem Kompass nach, der Karte folgend, und habe mir kaum Pausen gegönnt – und auf der Karte in der Luftlinie sieht es aus wie die Hälfte! Das muss sich ändern, wenn ich diese Woche noch ankommen will…

Heute habe ich Siegen erreicht und hinter mir gelassen. In einer Bäckerei bekam ich ein Törtchen geschenkt, und am Schloss fiel ich in einen Schlummer, aus dem mich das Getöse einer Dixieland-Kapelle und einer Meute älterer Bewunderer weckten. So fand ich mich am Boden ausgestreckt zwischen Sitzreihen und Beinen, während die Band ihre albern-fröhlichen Melodien vortrug und die Leute im Takt zu klatschen versuchten.

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Bislang hält die gute Hütte dicht, und es macht den Anschein, als ob ich und mein tapferer müder kleiner Hund eine Nacht in Frieden verbringen könnten.

18. August 2003.

Bushaltestelle fünf Kilometer weiter. 08:04.

Nun zeigt es also doch noch, was es kann: aus vollen Eimern schüttet es, die Straßen sind Flüsse geworden, und wir konnten uns gerade so in ein Haltestellenhäuschen retten, wenngleich auch Füße und Schenkel nicht trocken geblieben sind.

Ich spiele mit dem Gedanken, mich einfach in den Schlafsack zu legen, bis es vorbei ist, aber dazu ist es wohl hier zu schmutzig. So wie es aussieht, kann dies Wetter noch den ganzen Tag so vor sich hinregnen, auch wenn es jetzt schon besser ist als noch vor ein paar Minuten. Aber Wolken, die schlussendlich vorüberziehen, kann ich keine ausmachen – das ganze Land ist in weiß getaucht, aus dem es unermüdlich tropft und platscht, so als würde jemand einen riesigen weißen Schwamm über uns ausdrücken.

Was bleibt zu tun? Gerade hat es einen Moment beinahe ruhe gegeben, soll ich es wagen und mich auf den Weg begeben?

Langewiese, 750m hoch. Nachmittags.

…es ist doch etwas ausgesprochen feines, diesen Nieselregen, durch den man sich soeben dreißig Kilometer gekämpft hat, aus dem Innern eines Gebäudes zu betrachten, während man es im Schlafsack warm und trocken hat und Essen und Trinken und Lektüre dazu, und der arme nasse Hund nicht mehr zittert und friert, weil er komplett in Regenponchos verpackt ist. Dies Gefühl ist doch schwerlich zu übertreffen (aber wie oft denkt man nicht solches und sieht sich doch jedesmal widerlegt?).

Forsthaus, Winterberg. 21:30.

Über die Kirmes im Wintersportort Winterberg (passender Name) geschlendert, dem Hund eine rohe Bratwurst gekauft, weil die Geschäfte schon geschlossen waren, und mir selbst gebrannte Mandeln, 200g.

Nachdem wir uns den ganzen Tag durch Nässe und Kälte gekämpft hatten, war ich mutlos geworden. Immerhin hatten wir unser heutiges Etappenziel, Brilon, bei Abenddämmerung schon aufgeben müssen, und es schien doch sehr fraglich, ob ich mit dem zähneschnatternden, am ganzen Leibe zitternden Hund die nächsten Tage überhaupt noch irgendwohin gelangen würde.

Aber nun ruhen wir im Vorraum der Sauna des „Forsthaus“-Hotels, es ist nicht kalt und auch nicht nass, Ungeziefer und Menschen werden uns nicht stören, und weil es uns aus lauter Gutherzigkeit und mit einem Lächeln ermöglicht wurde, ist es noch tausendmal köstlicher…

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Der Hund schläft, eine Heizung brummt, die nette Dame vom Hotel tut wohl weiter oben ihren Dienst, und die Mandeln rascheln, knistern, knacken – und schmecken!

…nach der Lektüre der ersten paar Reisetage fiel mir eben noch etwas ein: Heute habe ich in einer Bäckerei ein Erdbeerhörnchen geschenkt bekommen. Die Verkäuferin hatte uns gestern auf dem Weg von Siegen her wandern sehen und brachte es nicht fertig, Geld von mir anzunehmen – nett!

Großmutter hat eine Theorie: Diese Wanderung habe einen besonderen symbolischen Stellenwert in meinem Leben: es werde sich zeigen, ob ich durchhalten oder aufgeben würde. Es käme einer Defloration nahe, denn dies erste Mal solcherart Wanderschaft sei einmalig und unwiederbringlich.

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Noch etwas fällt mir zu sagen ein: Wie ich hier so daliege und alles eigentlich wundervoll ist, geht mir ein übler Geruch nicht mehr aus der Nase und ich frage mich ob das a) nasser Hund, b) ungewaschener Mensch, oder c) ein Phantomgeruch, ein Hirngespinst ist.

Ich hoffe letzteres.

19. August 2003.

Holzlager in Wünnenberg. 21:53.

Viel haben wir heute geschafft: 50km liegen zwischen heute und gestern nacht, und zur Abwechslung sieht’s sogar mal auf der Karte viel aus. Es scheint doch, als ob dies lästige Serpentinen-rauf-und-runter mal ein Ende habe.

Brilon, der Ort mit dem charismatischen Namen – es hat heute morgen 5 Stunden und 30km gekostet – entpuppte sich als ziemlich gewöhnlich, wenn nicht gar langweilig. Übermäßig die Freuden des Billig-Discounter-Einkaufs genossen, einer Gruppe von türkischen und albanischen Halbstarken gelauscht, dann Brilon hinter mir gelassen. Obwohl der Name doch so interessant ist.

Puki hat uns heute gegen einen der Jugendlichen verteidigt, als der einen Kollegen fangen wollte und dabei ein paar sehr hastige Schritte in meine Richtung und über das schlafende Puki hinweg machte. Heulend und unterschenkelattackierend verteidigte das geweckte alarmierte Puki unser Leben, was ich ein wenig süß, ein wenig peinlich und ein wenig liebenswert fand.

Jetzt schläft der Heldenhafte unter einem Stuhl in einer Ausstellungs-Holzlaube, und ich liege daneben auf dem Boden. Die Hütte hat zwei kippgeöffnete Fenster und eine geschlossene Tür, alle verglast, und von draußen dringt Windhauch und Industriegebietsbeleuchtung herein: kalt und grellweiß.

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35km vor Paderborn liegen wir, und es ist jetzt wirklich nicht mehr weit bis daheim. Ich bin jetzt, da ich im Schutze liege und mich an das Erlebte erinnere, hin- und hergerissen zwischen banger Erwartung, freudiger Aufregung und Nostalgie.

Bange ist meine Erwartung, weil ich natürlich nicht weiß, ob der erstrebte Moment des durch-die-Tür-Schreitens-und-den-Rucksack-Ablegens nicht enttäuschen könnte. Außerdem besteht die Gefahr, hernach in ein Loch zu fallen, welcherart Loch auch immer: Langeweile, Sinnleere, Unausgefülltheit, etc…

Aufgeregt bin ich in meiner Freude, weil ich es andererseits kaum erwarten kann, endlich warm zu speisen, kühl zu trinken und in weichen Betten zu schlafen.

Nostalgisch bin ich, weil sich zwischen die Bilder meiner kleinen Straße in Paris mit ihren schmucken hellgrauen Fassaden und meinem schäbig-gemütlichen Zimmerchen jetzt auch noch Bilder von zwischen grünen Hügeln laufenden Kühen, Nachtlagern unter Sternen an unbekannten Orten mischen, und das diffus-glücklichen Gefühl, nach stundenlanger Wanderung durch waldige Natur endlich wieder in einer Siedlung einzutreffen, in der es vielleicht sogar einen Supermarkt hat…

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Und es kommt dem Glück ziemlich nahe, nach einem langen Marsch an einem schönen Plätzchen mit einigen Köstlichkeiten vom Discounter auszuruhen und die müden Beine von sich zu strecken und den fremden Ort zu betrachten und es zu halten wie der Hund: Entspannen geht am besten durch Nichtstun. Es ist dieses Sabbat-Nichts, was schwerfällt und doch so viel Süße birgt…

20. August 2003.

Bad Lippspringe, Lidl. 16:58.

Eine meiner Fußzehen hat zu bluten begonnen.

Bad Lippspringe, Restaurant. 19:44.

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Nach einer Orgie bei Lidl muss über das folgende der Mantel des Schweigens gebreitet werden. Der Zivilisation und Imodium sei dank ist’s zu ertragen.

21. August 2003.

Cappel. 09:15.

Frühstück.

Nachdem wir uns gestern abend in die Dunkelheit hinein über die Schnellstraße durch’s Eggegebirge gekämpft hatten, indem wir am Rand entlang schlichen und uns bei entgegenkommendem Verkehr an die Leitplanke drückten, mussten wir in Horn und Bad Meinberg dreimal den Staub von unseren Füßen schütteln, als man uns abwies. Schlussendlich fanden wir um halb eins in der Nacht ein Plätzchen unter einer Veranda am Kurverwaltungshaus im Kurpark in Bad Meinberg.

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Es war sehr kalt und man konnte die Sterne sehen, es regnete nicht, wir wurden nicht gestört, und es war letzten endes eine nicht zu anstrengende Nacht. Schön war, wie Puki, dem als Hund allein schon der Zugang zum Park verboten war, es sich nicht nehmen lassen konnte, obwohl wir ja schon die ganze Nacht quasi-illegal in dem Park verbracht hatten, trotzdem noch einen riesigen Scheißhaufen auf den Rasen zu setzen.

Nun ist es nicht mehr weit bis nach hause…

Hessisch-Oldendorf. 22:40.

Eine Woche habe ich gebraucht von Picknick zu Picknick, eben noch habe ich mit Großmutter und Großtante am Laachsee gesessen, so befinde ich mich nun mit einem guten Freunde an einem Tisch auf einem Felde, weit vom Laachsee entfernt, aber nicht weit von zuhause.

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Köstlich sind Speise und Konversation auch dieses Mal; ich habe bis hier durchgehalten, jetzt scheint der Rest ein Kinderspiel.

Nachdem Jörg gefahren war, versuchte ich den müden Hund und meine geschundene Beinmuskulatur zu motivieren, das kleine Stück, als das mir die verbleibende Etappe auf der Karte vorkam, zu bewältigen.

Nun ist es fast elf Uhr abends, mehr als sechs Stunden später, und mir schreiben die müden Hände automatisch vor sich hin, während die Augen immer wieder zuklappen. Auch der Hund ist gefällt – wie ein Baum: zack!

Ein letztes Mal, heute in einer Garage auf dem Gelände einer Marmorfirma. Habe Asseln auf dem Boden zerquetscht, als eklig und zu ignorieren befunden.

Jörg meinte, „man“ stelle sich so etwas ja immer so romantisch vor, aber so sei es ja in Wirklichkeit wahrscheinlich gar nicht.

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In seltenen Momenten schon. Dann packt es mich…

22. August 2003.

Rodenberg, Wassergarten. 16:07.

Nun ist es bald vorbei.

2km.

20min.

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Ein sehr kurzer Clip von etwas, das ich damals gerne machte: